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Leseprobe:
Auf der Tollense fuhren keine Oderkähne


 

von Ruth Flemming-Manleitner
1. Auflage, Dezember 2001
128 Seiten
20 x 21 cm
ISBN 3-933541-01-8

Kapitel 14

In Altentreptow sprachen die Leute anders. Genaues Hinhören war nötig, sonst verstand man nicht, was gemeint war.
Plötzlich waren wir keine Mädchen mehr, sondern „Deerns“. Die Altentreptower gingen auch nicht „uff´n Marcht“, sondern „up denn Makt“, „dahinter“ war „achtern“ und „Auf Wiedersehen“ hieß, „na denn Tschüss ok“.
Untereinander redeten die Einheimischen Plattdeutsch, aber nicht „Pommersch“, wie ich es von den Großeltern und von Megow her kannte, hier sprach man Mecklenburger Platt. 1943 redeten auch die Kinder untereinander noch in dieser heimischen plattdeutschen Sprache, „Hochdeutsch“ erlernten sie erst in der Schule. Mit uns Stettinern versuchten sie Hochdeutsch zu reden, denn wir waren ja die Fremden aus der Großstadt und mit solchen Leuten spricht man „feiner“. Heraus kam eine lustig klingende Mischung von Hochdeutsch und Platt.
Wir Stettiner sprachen zwar Hochdeutsch, aber in einer Mundart, die mit Sprachteilen und Ausdrücken der vorwiegend aus ländlichen Gebieten nach Stettin zugezogenen, platt sprechenden Bevölkerung durchmischt waren. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte ein eigener „Stettiner Jargon“. „Mich“ war dominierend und die Wortendung „er“ wandelte sich in der Aussprache zu einem „ä“. So klang alles etwas „plärrend".

 

Das „R“ wurde im Hals fast „trocken“ und stimmlos gebildet, im Gegensatz zum vorn, mit etwas gerollter Zunge gebildetem „R“ der Treptower. Die Sprache der Einheimischen hörte sich viel melodischer an und unser „Stettiner Jargon“  muss allen fremd und unschön geklungen haben, aber so wusste jeder gleich, von wo der andere war. Wer „Platt“ spricht, kann die hochdeutsche Sprache erlernen und sie auch sprechen.
Bei uns Stettinern sah die Sache ein wenig anders aus, denn vom „Jargon“ zur „Hochsprache“ waren zusätzliche Lautbildungsübungen nötig.

Ziemlich bald bekam ich einen Schock versetzt, der mich schlagartig vom Stettiner Jargon „heilte“. Die Mutter einer Schulfreundin verbot mir den Umgang mit ihrer Tochter, wenn ich weiterhin mit einer solch „schrecklichen Stettiner Sprache den Tag beleidigen würde“! Das saß! Niemals mehr habe ich diese Worte vergessen.
Vielleicht liegt es an dieser Mutter, dass ich auch nach über 30 Jahren Leipziger Leben noch nicht „sächsisch“ rede.


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17.11.2005

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